
Für die Untersuchung eines denkmalgeschützten Mehrfamilienhauses in der Stadt Bern durften wir mit der erfahrenen Restauratorin Anita Wanner zusammenarbeiten. Im Interview spricht sie über ihre Arbeit, überraschende Entdeckungen und darüber, weshalb historische Farbschichten weit mehr erzählen als nur die Geschichte einer Farbe.
Ich bin diplomierte Restauratorin FH und habe an der Hochschule der Künste Bern Konservierung und Restaurierung von Gemälden, Skulpturen und Wandmalereien studiert. Seit dem Jahr 2000 arbeite ich selbstständig mit meinem Atelier für Konservierung und Restaurierung. Unter anderem war ich für das Schweizerisches Nationalmuseum tätig und arbeitete Teilzeit an der Hochschule für Kunst & Design Luzern als Werkstattleiterin und Dozentin. Dort durfte ich auch das Materialarchiv für Pigmente und Farbstoffe mitaufbauen.
Wir untersuchten die historischen Fenster eines Mehrfamilienhauses, das im Kataster der Denkmalpflege als erhaltenswert eingestuft ist. Ziel war es, den historischen Farbaufbau sowie die zeitliche Einordnung der Fenster zu analysieren. Gemeinsam mit der Denkmalpflege konnten dadurch historisch passende Fensterlösungen und eine bauzeitlich korrekte Farbgebung definiert werden. Gleichzeitig sollten die Fenster technisch saniert werden, damit sie auch in Zukunft modernen Wohnkomfort bieten.
Durch die Untersuchung verschiedener Oberflächen kann festgestellt werden, wie ein Gebäude ursprünglich ausgesehen hat und welche Materialien verwendet wurden. Gleichzeitig werden spätere Umbau- und Renovierungsphasen sichtbar. Auf dieser Grundlage lassen sich Restaurierungs- und Renovierungskonzepte entwickeln und wichtige historische Zeugen erhalten.
Besonders faszinierend finde ich immer wieder die Farbkonzepte früherer Generationen. Heute dominiert in Innenräumen oft Weiss. Früher wurde mutiger mit Farbe gearbeitet, heute meist erstaunlich harmonisch.
Das hängt stark von der Oberfläche ab. Bei Putzschichten arbeiten wir teilweise mit Hammer und Meissel. Bei Öl- oder Kunstharzfarben kommen Lösemittel, Lösemittelpasten, Wattestäbchen und Skalpelle zum Einsatz. Weniger stark gebundene Schichten werden mit Freilegungspinseln, Trockenschwämmen oder destilliertem Wasser bearbeitet.
Wenn Farbschichten mit dem Auge kaum analysierbar sind, entnehmen wir Materialproben und untersuchen diese unter dem Mikroskop.
Bei Renovierungen müssen ältere Schichten teilweise entfernt werden, um die Haftung neuer Anstriche zu gewährleisten. Deshalb ist eine fotografische und schriftliche Dokumentation essenziell. Gleichzeitig dokumentiert die Stratigraphie die verschiedenen Renovierungs- und Umbauphasen eines Gebäudes und damit auch die Farbkonzepte vergangener Jahrzehnte und Jahrhunderte.
Farben verändern sich durch Alterung, Schleifarbeiten oder chemische Behandlungen wie Laugen. Diese Veränderungen korrekt zu interpretieren, erfordert viel Erfahrung. Auch die genaue Farbbestimmung ist schwierig, weil Farbsysteme wie NCS nur einen begrenzten Ausschnitt der tatsächlich wahrnehmbaren Nuancen abbilden.
Deshalb empfiehlt es sich oft, direkt neben der Stratigraphie ein Farbmuster anzulegen und mit Fachpersonen aus dem Malerhandwerk zusammenzuarbeiten, die Farben noch individuell anmischen können.
Grundsätzlich ist jedes historische Fenster eines geschützten Gebäudes erhaltenswert. Dank moderner Methoden können historische Holzfenster heute technisch ertüchtigt werden, ohne ihren Charakter zu verlieren. Lose Farbschichten werden entfernt, Oberflächen gereinigt und anschliessend meist mit einem Ölanstrich im historischen Farbton versehen.
Weil nicht nur die Architektur selbst, sondern auch ihre Oberflächen und Farben die Wirkung eines Gebäudes entscheidend prägen.
Es gab viele besondere Momente. Im Kloster Rheinau konnten wir unter fünf verschiedenen Anstrichen einen ganzen historischen Theatersaal mit fast lebensgrossen Figuren freilegen und konservieren. In einem Privathaus entdeckten wir unter mehreren Farbschichten die gemalten Ahnen des Hausbesitzers — inklusive Hofhunden und Hauskatze.
Definitiv. Wir arbeiten unter anderem mit Skalpellen, Zahnarztwerkzeugen, Mikroskopen, UV-Lampen und Ultraschallgeräten.
Ja, vor allem bei Hinterglasmalereien, die ich unter anderem für das Vitromusée in Romont restaurieren durfte. Die Malerei befindet sich dabei auf der Rückseite des Glases. Zerbricht das Glas, verliert das Werk massiv an Wert.
Bei der Konservierung loser Farbschichten wird teilweise mit Wärme gearbeitet – gleichzeitig kann genau diese Wärme Spannungen im Glas erzeugen. Das war immer ein sehr heikler Moment.
Ja, absolut. Man sieht jeden einzelnen Pinselstrich und entdeckt manchmal sogar Fingerabdrücke in der Malschicht. Dadurch entsteht eine grosse Nähe zur Person, die das Werk geschaffen hat. Gleichzeitig lernt man auch viel über die jeweilige Epoche und die damaligen Auftraggeber.
Am besten lässt man ein Objekt unverbindlich von einer Fachperson beurteilen. Für Laien ist der Zustand oft schwer einzuschätzen.
Viele denken, Restaurierung bedeute, alles wieder wie neu aussehen zu lassen. Genau das ist jedoch meist nicht das Ziel. Die Patina und damit auch die Geschichte eines Kunstwerks sollen sichtbar bleiben. Zu starke Eingriffe oder unsachgemässe Ergänzungen können einem Objekt sogar schaden und seinen Wert mindern.
Wir bedanken uns herzlich bei Anita Wanner, dass sie sich Zeit genommen hat, uns einen Einblick in ihre spannende Arbeit zu ermöglichen. Falls Sie selbst eine professionelle Einschätzung zum Potenzial Ihrer Liegenschaft benötigen, stehen wir Ihnen gerne zur Verfügung.